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Hundetraining im Jahre 1999 - da war die Welt noch in Ordnung, oder...?

Wir schreiben das Jahr 1999. Damals war die Hundetrainings-Welt noch in Ordnung! Ich musste mir keine großen Gedanken um die Bedürfnisse meines Hundes machen. Die Tatsache, dass ich nett zu Shiwa war wenn sie sich so verhielt wie ich es mir wünschte, musste reichen. Nette Worte, häufiges streicheln und betätscheln, wenn sie was gut gemacht hat und wenn nicht, wurde halt korrigiert. Mit Bällen und anderem Spielzeug konnte ich Shiwa eh nicht erfreuen und das Mitführen von Leckerlies war irgendwie lästig. Zudem wollte ich mich nicht abhängig von Leckerlies im Training machen. Der Hund folgt dem Rudelführer Mensch aufgrund seiner Ausstrahlung. Im Welpenalter war das Belohnen mit Leckerlies ja ok, aber 1999 war sie schon fast erwachsen, da musste sie so gehorchen. Das Ausbleiben einer Strafe ist doch Belohnung genug.

Unsere Hundeschule, zu der wir über eine Stunde Fahrtzeit in Anspruch genommen haben, war toll. Das meine ich wirklich so, wie es dort steht. Für damalige Verhältnisse war sie sehr fortschrittlich. Wir haben lange gesucht, da im Pinneberger Raum in vielen Schulen Schläge mit Hand oder Leine normal waren. DAS wollten wir nicht. So haben wir in unserer erwählten Hundeschule dann auch wirklich nicht trainiert. Zudem gab es viel Theorieunterricht. Wir lernten, dass wir mit dem Spielen beginnen und aufhören mussten, dass der Hund erst nach uns essen durfte, dass wir zuerst durch die Tür zu gehen haben und so weiter. Respekt und Bindung sollten so gefördert werden.


Wir haben fast "sprachlos" trainiert. Der Trainer legte viel Wert auf Handzeichen, loben mit Stimme und Streicheln, bei den erwachsenen Hunden, wenn sie eine Übung schon beherrschten, nur noch ab und an ein Leckerlie.

Aber war das, was wir getan haben, gewaltfrei?

Wir haben Videos von unserem Training 1999 gefunden. Shiwa macht im ersten Video toll mit, oder?

 

http://www.youtube.com/watch?v=aboHLsOrQ9E

Und wie freudig sie ist, wie oft sie mich mit leuchtenden Augen anschaut! Kein einziges Mal in dem 30 minütigen Video!!!

Im folgenden Video sollte Shiwa Platz machen. Sie steckte in der Pubertät und so ein Missachten eines "Kommandos" war nicht zu dulden. Wenn man sich da nicht durchsetzt, tanzen einem die Hunde ein Leben lang auf der Nase herum...

 

http://www.youtube.com/watch?v=UjbyVh6VBHo

Ich war damals sehr stolz auf unsere Leistung! Wenn ich mir die Videos anschaue, stimmen sie mich sehr nachdenklich. Wie konnte ich so "blind" sein? Ich habe so gehandelt da ich der Überzeugung war, etwas wirklich Gutes zu tun - für Shiwa und mich. Bei Shiwa hat diese Art des Trainings augenscheinlich für uns "funktioniert". Sie hat sich kaum gewehrt, sie hat ertragen. Shiwa lief oft ohne Leine, ohne Halsband - sie zeigte wenig Erkundungsverhalten. Sie hatte viele Freiheiten. Wie "frei" war sie wirklich?

Zara wurde von mir ebenso behandelt, wie ich es über die Jahre gelernt hatte. Auch sie hat es ertragen, hat mich aber sehr deutlich immer mehr gemieden. Ihr Verhalten anderen Hunden und Menschen gegenüber wurde jedoch stetig unangenehmer.

Tali zeigte uns, dass das was wir taten, auch mal nicht funktionieren kann. Naja, er ist ein Rüde, da muss man dann halt deutlicher werden. Nein. Ging nicht. Er zeigte uns ganz klar seine und unsere Grenzen. Es wäre definitiv eine Frage der Zeit gewesen bis es eskaliert wäre. Zum Glück haben wir diesen deutlich winkenden Zaunpfahl wahrgenommen. Wir begaben uns erneut auf die Suche und wurden von lieben Menschen an die Hand genommen. Sie zeigten uns, wie wir mit einem Training auf Basis der positiven Verstärkung wieder Zugang zu unseren Hunden bekommen konnten.

Jedem steht es frei, so oder so mit seinem Hund zu trainieren. Ich wünschte mir nur, dass Menschen, die noch ebenso trainieren, wie wir es 1999 getan haben, ihre Hunde einmal wirklich "anschauen", sie wahrnehmen und dann für sich entscheiden, ob sie das wirklich möchten. Wenn der Hund gehorcht in der Hoffnung, dass Strafe ausbleibt, ist das nicht wirklich erstrebenswert.

Wie fühlt man sich, wenn man durchs Leben geht und man bei allem was man tut befürchten muss, dass man bestraft wird? Wie viel traut man sich noch auszuprobieren, zu erforschen, zu erkunden? Wie viel Spaß hat man da beim Lernen neuer Dinge? Wie fühlt es sich für einen an, wenn man mit jemandem zusammen lebt, der völlig unberechenbar reagiert? Gerne würde ich für Shiwa die Zeit zurück drehen. Ich kann es nicht. Das tut weh.

Damals, 1999, war die Hundetrainingswelt aus meiner Sicht heute nicht in Ordnung...!

"Es ist ein Unterschied, ob ein Hund seinem Menschen folgt aus Angst wegen eines Fehlers bestraft zu werden oder ob der Mensch der attraktive Mittelpunkt im Leben eines Hundes ist."

Dr. rer. nat. Ute Blaschke-Berthold

 

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nicole dumkeNicole Dumke

ist seit 2012 Trainerin im CumCane®-Netzwerk und Inhaberin der Hundeschule INUTO http://www.inuto-hundeschule.de/ in Pinneberg bei Hamburg. Nicole ist geprüftes Mitglied im IBH, dem Internationalen Berufsverband der Hundetrainer und der Pet Professional Guild.